CO2-Bilanzierung in Verpackungsunternehmen – 3 Methoden: ISO 14064 / GHG Protocol / GB/T 51316
Im Frühjahr dieses Jahres wurde ein Kunde, der Export-Kosmetikverpackungen herstellt, von einer europäischen Marke gedrängt: „Wo ist der CO2-Fußabdruck-Bericht dieser Geschenkbox-Charge? Wieviel kg CO2e pro Schachtel?" Der Kunde kam zu mir und war ratlos: „Ich mache seit 20 Jahren Verpackungen, habe noch nie CO2 berechnet. Wie soll ich überhaupt an Daten kommen?"
Das ist kein Einzelfall. Die CO2-Bilanzierung ist von einer „Angelegenheit für Großunternehmen" zu einer „Aufgabe, die auch kleine und mittelständische Verpackungsbetriebe beantworten müssen" geworden. Europäische und amerikanische Marken fragen im Rahmen ihrer ESG-Berichterstattung gezielt nach Scope 1-, Scope 2- und Scope 3-Daten ihrer Lieferanten. Wenn eine Druckerei keine Antwort liefern kann, wird sie sofort aus der Liste der qualifizierten Lieferanten gestrichen. Dieser Artikel erklärt die tatsächlichen Systemgrenzen der 3 Bilanzierungsmethoden.
ISO 14064: Treibhausgasbilanzierung der Internationalen Organisation für Normung
ISO 14064 ist eine Reihe internationaler Normen zur Treibhausgasbilanzierung und -berichterstattung und besteht aus drei Teilen:
ISO 14064-1: Treibhausgasbilanzierung auf Organisationsebene
ISO 14064-2: Treibhausgasbilanzierung auf Projektebene
ISO 14064-3: Spezifikation für die Verifizierung und Validierung
Für Druckereien ist vor allem 14064-1 relevant. Es definiert drei Emissionsklassen (Scope 1/2/3) und ist vollständig kompatibel mit dem GHG Protocol, verwendet jedoch präzisere Formulierungen und eine internationalere Sprache.
Reale Einsatzszenarien von ISO 14064 in der Verpackungsindustrie: Europäische Markenkunden (insbesondere im deutschsprachigen Raum) akzeptieren ISO 14064 bevorzugt. Wenn Ihre Kunden aus Deutschland, der Schweiz oder Österreich kommen, ist die Erstellung eines ISO-14064-Berichts die erste Wahl.
Kosten eines ISO-14064-Berichts: Die Verifizierung durch Dritte (zwingend durch eine nach ISO 14064-3 akkreditierte Stelle wie TÜV oder SGS) kostet 3-8 10.000 RMB, abhängig von Unternehmensgröße und Anzahl der Emissionsquellen. Der Berichtszyklus ist in der Regel jährlich.
Tatsächlicher Arbeitsaufwand für ISO 14064 in einer Druckerei: 2-4 Wochen Datenerhebung + 2-3 Wochen Berichtserstellung + 2-3 Wochen Verifizierung durch Dritte. Für kleine und mittelständische Druckereien empfiehlt es sich, die erste Bilanzierung gemeinsam mit einer Beratung durchzuführen und sie anschließend intern weiterzuführen.
GHG Protocol: Der weltweit anerkannte Bilanzierungsrahmen
Das GHG Protocol (Greenhouse Gas Protocol) ist ein vom World Resources Institute (WRI) und WBCSD entwickelter Rahmen für die Treibhausgasbilanzierung von Unternehmen und gilt als die heute weltweit am häufigsten verwendete Bilanzierungsmethode.
Sein Kern ist die Scope-Klassifizierung:
Scope 1 (direkte Emissionen): Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe in eigenen Kesseln, Fahrzeugen und Produktionsanlagen des Werks
Scope 2 (indirekte Emissionen – Energie): Emissionen aus zugekaufter Elektrizität, Wärme und Dampf
Scope 3 (sonstige indirekte Emissionen): Rohstofftransport, Mitarbeiterpendelverkehr, Produktnutzung, Abfallentsorgung u. a.
Reale Einsatzszenarien des GHG Protocol in der Verpackungsindustrie: Global agierende Markenkunden (z. B. Unilever, Procter & Gamble, Coca-Cola) nutzen das GHG Protocol für ihre eigene ESG-Berichterstattung und verlangen von ihren Lieferanten ebenfalls eine Offenlegung nach GHG-Protocol-Standard.
Vorteile des GHG Protocol: kostenlos, flexibel, international anerkannt. Anders als bei ISO 14064 ist keine Pflichtverifizierung durch Dritte erforderlich; Unternehmen können selbst bilanzieren und eine Erklärung abgeben. Markenkunden verlangen jedoch in der Regel eine Verifizierung oder Bestätigung durch Dritte.
Tatsächlicher Arbeitsaufwand für das GHG Protocol in einer Druckerei: Erster Systemaufbau 4-8 Wochen, jährliche Aktualisierung danach 1-2 Wochen. Das GHG Protocol bietet eigene Berechnungstools (Scope-3-Rechner) und eine Emissionsfaktoren-Datenbank (die die wichtigsten Länder abdeckt), die Druckereien direkt nutzen können.
Nationale Norm GB/T 51316: Chinesischer Standard für die CO2-Bilanzierung
GB/T 51316 „Allgemeine Regeln für die Bilanzierung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen für Industrieunternehmen" ist eine 2019 veröffentlichte nationale Norm, deren Logik im Wesentlichen mit dem GHG Protocol kompatibel ist, jedoch die chinesischen Gegebenheiten berücksichtigt.
Kernmerkmale von GB/T 51316:
1) Verwendung chinesischer Stromnetz-Emissionsfaktoren (nationaler Durchschnitt, regionale Faktoren für Ostchina, Südchina usw.)
2) Berücksichtigung chinesischer Branchenmerkmale (z. B. Unterschiede zwischen Kohle- und Gaskesseln)
3) Anbindung an den chinesischen Kohlenstoffmarkt (Schlüsselemittenten müssen diesen Standard anwenden)
Reale Einsatzszenarien der nationalen Norm in der Verpackungsindustrie: Wenn eine Druckerei in das Verzeichnis der Schlüsselemittenten im nationalen Kohlenstoffmarkt aufgenommen wird (in der Regel Unternehmen mit einem Jahresenergieverbrauch von 5000 Tonnen Standardkohle oder mehr), muss sie die jährliche Bilanzierung nach GB/T 51316 durchführen und sich einer Überprüfung durch das Umweltministerium unterziehen. Liegt der Betrieb unter dieser Schwelle, ist die Anwendung von GB/T 51316 eine „Vorbereitung auf die Zukunft" – sobald Kunden eine Abstimmung mit dem chinesischen Standard verlangen, kann der Bericht direkt vorgelegt werden.
Grenzen von GB/T 51316: Derzeit werden nur Scope 1 und Scope 2 abgedeckt; Scope 3 befindet sich noch in der Entwicklung. Werden Scope-3-Daten angefragt, reicht GB/T 51316 als Antwort nicht aus – es muss zusätzlich das GHG Protocol herangezogen werden.
Praktische Auswahl der 3 Methoden
Nach der Vorstellung der 3 Methoden stellt sich die Frage: Wie wählt eine Druckerei die richtige aus?
Drei Entscheidungsdimensionen:
1)In welchem Markt befindet sich der Kunde: Europäische oder amerikanische Marken → ISO 14064 oder GHG Protocol; große inländische Kunden oder Regierungsprojekte → GB/T 51316
2)Unternehmensgröße: Jahresenergieverbrauch 5000 Tonnen Standardkohle oder mehr → GB/T 51316 ist Pflicht; darunter → ISO 14064 oder GHG Protocol sind ausreichend
3)Planung der nächsten 3 Jahre: Wer in den nationalen Kohlenstoffmarkt einsteigen, in den EU-Carbon-Border-Adjustment-Mechanism (CBAM) exportieren oder ESG-Berichte internationaler Kunden bedienen will, dem wird ein Doppelsystem aus ISO 14064 + GHG Protocol empfohlen
Praktischer Rat: Bei der ersten CO2-Bilanzierung sollte eine Druckerei nicht sofort ISO 14064 mit Verifizierung durch Dritte angehen. Zunächst sollte mit dem (kostenlosen) GHG-Protocol-Tool eine erste Selbstbilanzierung durchgeführt werden, um den Aufwand der Datenerhebung und die Kosten einzuschätzen – danach wird entschieden, ob ein Upgrade auf ISO 14064 mit Verifizierung durch Dritte sinnvoll ist.
Die tatsächlichen Grenzen der Datenerhebung
Die wirkliche Schwierigkeit der CO2-Bilanzierung liegt nicht in der Methodenwahl, sondern in der Datenerhebung.
Die Datenerhebung für Scope 1 ist relativ einfach: Gas-, Strom- und Dieselverbrauch sowie Fahrleistungen des Werks werden bereits erfasst. Die Herausforderung liegt in den Umrechnungsfaktoren bei der Umstellung von Kohle- auf Gaskessel, die von vielen Druckereien falsch berechnet werden.
Datenerhebung für Scope 2: Stromrechnungen, Rechnungen für zugekauften Dampf. Die Herausforderung liegt im Bezug von Ökostrom (wenn das Werk Ökostrom bezieht, müssen die Scope-2-Emissionen nach der market-based method neu berechnet werden – das wissen viele Druckereien nicht).
Die Datenerhebung für Scope 3 ist die größte Falle. Scope 3 umfasst 15 Emissionsquellen; für Verpackungsbetriebe sind vor allem 3 Kategorien entscheidend:
1) Kategorie 1: Produktionsemissionen zugekaufter Rohstoffe (Papier, Druckfarben, Klebstoffe)
2) Kategorie 4: Upstream-Transport (Rohstoffe zum Werk)
3) Kategorie 9: Downstream-Transport (Fertigprodukte zum Kunden)
Die größte Schwierigkeit liegt bei Kategorie 1: Geben Papierlieferanten CO2-Daten heraus? In der Regel nicht. Die Druckerei kann nur branchenübliche Emissionsfaktoren verwenden (z. B. 1 Tonne White Top Liner ≈ 0.9-1.2 Tonnen CO2e), wobei diese Faktoren je nach Lieferant stark variieren. Die Lösung besteht darin, beim Papierlieferanten einen EPD-Bericht (Environmental Product Declaration) anzufordern; Daten von Lieferanten mit EPD sind deutlich verlässlicher.
Häufige Fallstricke
Abschließend drei typische Fallstricke für Druckereien:
Erstens: Die Schlagworte „Klimaneutralität" und „CO2-Peak" dürfen nicht beliebig verwendet werden. Hat eine Druckerei keine tatsächliche Bilanzierung durchgeführt, sollte sie in Werbematerialien nicht „klimaneutral" schreiben – sonst gerät sie ins Visier des Umweltministeriums und der Marktaufsichtsbehörde.
Zweitens: „CO2-Fußabdruck-Bericht" und „CO2-Bilanzbericht" sind nicht dasselbe. Der CO2-Fußabdruck bezieht sich auf ein einzelnes Produkt (wieviel CO2e pro Geschenkbox), die CO2-Bilanz bezieht sich auf das Unternehmen als Ganzes (wieviel CO2e das Werk pro Jahr emittiert). Kunden fragen nach dem CO2-Fußabdruck, benötigen dafür aber zunächst CO2-Bilanzdaten.
Drittens: „Verifizierung durch Dritte" ≠ „Zertifizierung durch Dritte". ISO 14064-3 ist eine Verifizierungsnorm; der Verifizierungsbericht liefert „reasonable assurance" oder „limited assurance". Druckereien müssen klar unterscheiden, ob der Kunde einen Verifizierungsbericht oder ein Zertifikat verlangt – der Preisunterschied beträgt das 2- bis 3-fache.
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Häufige Fragen
Welche Methode wird für die erste CO2-Bilanzierung einer Verpackungsdruckerei empfohlen?
Wenn die Druckerei nicht groß ist (Jahresenergieverbrauch unter 5000 Tonnen Standardkohle) und die Kunden überwiegend im Inland sitzen, wird empfohlen, zunächst mit dem GHG-Protocol-Tool eine kostenlose Selbstbilanzierung durchzuführen. Handelt es sich um europäische oder amerikanische Markenkunden, empfiehlt sich direkt ISO 14064 mit Verifizierung durch Dritte, da der Bericht international stärker anerkannt wird.
Die Druckerei kann die Scope-3-Daten nicht ermitteln, der Kunde besteht jedoch darauf – was tun?
Zwei Vorgehensweisen: 1) Mit branchenüblichen Emissionsfaktoren schätzen und als „basierend auf Branchendurchschnitt" kennzeichnen – die meisten Kunden akzeptieren das. 2) Beim vorgelagerten Rohstofflieferanten EPD- oder CO2-Daten anfordern; liegen keine vor, kann eine Lockerung der Genauigkeitsanforderungen beim Kunden beantragt werden.
Was ist der Unterschied zwischen einem CO2-Bilanzbericht und einem CO2-Fußabdruck-Bericht?
Der CO2-Bilanzbericht bezieht sich auf das Unternehmen und beantwortet die Frage „wieviel CO2e emittiert das Werk pro Jahr"; der CO2-Fußabdruck-Bericht bezieht sich auf das Produkt und beantwortet „wieviel CO2e entsteht cradle-to-gate für eine Geschenkbox". Die Bezugsgrößen sind unterschiedlich; für einen CO2-Fußabdruck-Bericht sind zunächst CO2-Bilanzdaten nötig, ergänzt um eine vollständige Wertschöpfungskettenanalyse vom Rohstoff bis zum Produkt.
Wie werden die Scope-2-Emissionen berechnet, wenn die Druckerei Ökostrom bezieht?
Berechnung nach der market-based method. Für den mit Ökostrom gedeckten Anteil können die Scope-2-Emissionen mit 0 angesetzt werden; nach der location-based method wird weiterhin mit dem durchschnittlichen Stromnetzfaktor der Region gerechnet. Welche der beiden Methoden angewandt wird, hängt von den Kundenanforderungen und den lokalen Vorschriften ab. Es wird empfohlen, im Bericht anzugeben, welche Methode verwendet wurde, und konsistent zu bleiben.
Wie wählt man eine Verifizierungsstelle für Drittprüfungen aus?
Drei Qualifikationskriterien prüfen: 1) Verfügt die Stelle über eine Akkreditierung nach ISO 14064-3 (Akkreditierungsurkunde)? 2) Hat sie Erfahrung mit Verifizierungen in der Verpackungsindustrie? 3) Verfügen die Verifizierer über GHG-Qualifikationen (z. B. GCI Lead Verifier)? In China häufig anzutreffen: TÜV SÜD, SGS, BSI, CTI (華測).
Was bedeutet es für eine Druckerei, wenn sie als Schlüsselemittent in den Kohlenstoffmarkt aufgenommen wird?
Die Druckerei muss jährlich nach GB/T 51316 eine CO2-Bilanz erstellen und berichten sowie eine Überprüfung durch das Umweltministerium durchlaufen lassen und die Emissionszertifikate abrechnen. Übersteigen die tatsächlichen Emissionen die kostenlosen Zuteilungen, müssen am Kohlenstoffmarkt Zertifikate zugekauft werden; bei Überschüssen können Zertifikate verkauft werden. Derzeit deckt der nationale Kohlenstoffmarkt nur die Stromerzeugung ab; Baustoffe, Nichteisenmetalle usw. werden schrittweise einbezogen – bis eine Druckerei erfasst wird, besteht ein Zeitfenster von 2-5 Jahren.
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